Neue Projekte

 

Zum neuen Buch:

Tor und Tod. Der 4. Juli 1954, erschienen im Geest Verlag, siehe extra Seite.

Ich arbeite daran, aus der Erzählung ein Theaterstück zu machen.

Mal sehen, ob mir das gelingt.

Zu Nelly Sachs:

Die Bronzefigur steht nun wirklich im 2. Stock der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund. Näheres mit Foto siehe auf der Seite Nelly Sachs.

 

Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017.

Herzlichen Glückwunsch!

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: "Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen."

Atwood bearbeitet in ihren Werken gesellschaftliche und politische Fragen. "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind."

Wer mehr über Margaret Atwood erfahren will, kann das auch in meinem Buch:

Im Salon der Dichterinnen. Die Nelly-Sachs-Preisträgerinnen
finden.

 

2. Juni 1967 - vor 50 Jahren wurde Benno Ohnesorg ermordet.

Dieser Tag wurde zum Beginn einer sich radikalisierunden Studenten - später Schüler und Lehrlingsbewegung. Für mich ist dieser Tag ebenfalls von großer Bedeutung. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Staatsapprat mit den prügelndne Polizisten und die Infamie der Berichterstattung, die den Studenten den Tod des Benno Ohnesorg in die Schuhe schieben wollte, hat geprägt.

Hier ein Auszug aus meinem Roman: Rote Fahnen Rote Lippen, der sich mit der Situation kurz vor und während der Demonstration gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper befasst.

(Wer mehr wissen will, kann das Buch für 10 € direkt bei mir bestellen unter marianne@brentzel.de )

Kapitel 2
 
Angefangen hatte alles ganz harmlos mit einem Buch. Ein schmales Bändchen, rot und gelb aus der Reihe rororo-aktuell. Persien, Modell eines Entwicklungslandes von Baham Nirumand. Alle, die politisch etwas auf sich hielten, lasen es, diskutierten über die grausamen Machenschaften des Schahregimes. In diese Debatte traf die Nachricht, der Schah käme persönlich nach Berlin, wie eine Bombe.
Am Abend des 1. Juni schwor der junge iranische Dozent die Studenten auf die Demonstrationen der nächsten Tage ein.
 Das iranische Volk braucht eure Solidarität! rief er in die Menge. HOCH-DIE INTER-NATIONALE-SOLIDARITÄT! war die vielfach wiederholte Antwort aus dem Saal, begleitet von rhythmischem Klatschen. Mit zunehmend heiserer Stimme hatte Nirumand den Schah und dessen Geheimdienst in düstersten Farben gezeichnet, das Elend des Volkes, die Folter, die Bespitzelung, die Zerstörung der traditionellen Kultur, die Abhängigkeit von den USA.
Er ist eine Marionette des Westens und jetzt kommt er hierher, die Mauer zu beweinen und der Senat applaudiert ihm dazu.
Hannah kannte Nirumand ein wenig. Vor einem Jahr hatte er sie mit Rolf zusammen aus der Maiveranstaltung getragen. Da war sie einfach umgekippt, ohnmächtig von den feurigen Reden Dutschkes und der schlechten Luft in der Hasenheide. Seitdem tranken sie manchmal im Institut einen Kaffee zusammen.
An diesem 2. Juni 1967 wurden noch Seminare besucht. Tage später würden die Studenten auf die Fahrbahnen und Bürgersteige im Campus-Bereich sprühen: WER JETZT STUDIERT HAT NICHTS KAPIERT! Im Seminar hatten sie eben noch heftig debattiert, ob Marx wirklich die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße gestellt hatte. Hannah verließ das Otto-Suhr-Institut, um Rolf bei den Juristen zur Demonstration vor der Oper abzuholen.
Auf dem Parkplatz vor dem Institut stand eine Gruppe laut redender Studenten. Einige hatten Pflaster, andere blutig verkrustete Schrammen im Gesicht. Sie berichteten von hasserfüllten Schlägern mit verzerrten Fratzen, offensichtlich Iraner, die vor dem Schöneberger Rathaus plötzlich aus einem Bus gesprungen waren. Vermutlich Geheimdienstler, die den Schah begrüßen und gegen unliebsame Demonstranten abschirmen sollten. Als die Demonstranten die ersten Parolen riefen, holten die Perser wie aus dem Nichts Knüppel oder Latten hervor und schlugen auf alles ein, was ihnen in den Weg kam, während die deutschen Polizisten mit einem Mal wie vom Erdboden verschluckt waren.
Schweine sind das! rief einer wütend, andere nickten.
Allmählich löste sich die Gruppe auf.
Wir sehen uns! Vor der Deutschen Oper! Es klang wie eine geheime Losung. In der völlig überfüllten U-Bahn redete man ausschließlich von der bevorstehenden Demonstration gegen den Schah, schimpfte auf dieses Pack, das in die Oper geladen war.
Ausgerechnet in die Zauberflöte.
- Diese Inszenierung von Harmlosigkeit!
- Besser sollten die sich das Theaterstück von Peter Weiß, den Lusitanischen Popanz angucken, dann wissen sie Bescheid, meinte einer.
- Solche sind doch unbelehrbar, sagten andere.
- Der soll gar nicht erst herkommen, der Verbrecher!
- Und unsere Polizei, warum prügelt die für den Schah?
- Die machen es für jeden Diktator. Sind halt immer noch Faschisten, die das Sagen haben.
Sie stimmten sich ein auf das Kommende, fühlten sich als Kämpfer an der gleichen Front. Einige hatten das gelb-rote Bändchen in der Hand wie den Ausweis ihrer Gesinnung. Auf Hannahs Weltkarte war Persien früher ein blinder Fleck gewesen. Der Schah und seine Frauengeschichten, ob Soraya oder Farah Dibah, interessierten sie nicht, widerten sie geradezu an. Klatschgeschichten für frustrierte Hausfrauen, vertane Zeit, so etwas überhaupt anzusehen. In den großen Tageszeitungen, die ihr im Lesesaal der Bibliothek zur Verfügung standen, kam Persien kaum vor. Keine hatte je auch nur angedeutet, welche Verhältnisse dort wirklich herrschten.
Die Atmosphäre in der Bahn wurde von Station zu Station kämpferischer. Sie einte das gute Gefühl, das Recht und die Moral auf ihrer Seite zu haben. Das Unbehagen und die Angst vor der verbotenen Demonstration ließen sie nicht hochkommen. Vor der Oper war alles abgesperrt. Lediglich gegenüber auf dem Baugelände war ein schmaler Streifen hinter Hamburger Reitern für die Demonstration reserviert. Hannah und Rolf drängten sich in den dichten Kordon aufgebrachter, Parolen rufender Menschen. Manche hatten aus Papiertüten Masken mit dem Gesicht des Schahs hergestellt. Wie eine Bande von Henkern, die einen das Schaudern lehren konnten, sahen die Demonstranten aus. Sie schoben sich bis vorn an die Gitter. Neben Hannah stand ein Junge mit einer Plastiktüte voller reifer Tomaten.
Die sind alle für den weißen Anzug vom Schah und das Dekolleté seiner Zicke.
Aufgeregt phantasierten sie, wie man die verhassten Prominenten am besten treffen könnte und der Saft auf den weißen Hemden verspritzte. Man musste schon sehr gut treffen können. Die achtspurige Bismarckstraße lag zwischen der Oper und den Demonstranten. Harmlose Scherze machten kurzzeitig die Runde, dann kippte die Stimmung. Nobelkarossen fuhren vor, auch ein Bus mit fremdländisch aussehenden Leuten, die Plakate griffen und hochhielten, offensichtlich wieder die Prügelperser.
MÖRDER! MÖRDER! skandierte die Menge. WEG MIT DEM SCHAH!
Ein Hagel von Tomaten, Eiern, Steinen und Silvesterknallern ergoss sich auf die Straße. Blitzschnell war die Gala-Gesellschaft im Gebäude verschwunden, nicht auszumachen, ob es der Schah und sein Gefolge waren, die das Opernhaus betraten. Sie konnten nur ahnen, was drinnen ablief.
MÖRDER1 MÖRDER! Mörder! riefen nun alle und: FREITHEIT FÜR DAS VOLK! WEG MIT DER SAVAK! KEINE UNTERSTÜTZUNG DER VERBRECHER DURCH DEN SENAT! HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!
Dann war der Eingang zur Oper wie leer gefegt, in den Gängen keine Flanierenden mehr zu sehen. Eintrittskarten waren nur an unverdächtige Personen mit vorheriger Ausweiskontrolle vergeben worden. Vor dem Gebäude entspannte sich die Stimmung. Einige Demonstranten setzten sich auf die Erde. Die meisten standen redend herum, bereit zum Abzug in Richtung U-Bahnhof. Es schien, als sei die Sache beendet, wie so viele Demonstrationen vorher in Berlin. Hannah drängte mit Rolf in Richtung Wilmersdorfer Straße, als sie Schreie hörten, das Klatschen von Gummiknüppeln, Gebrüll, Rufe:
POLIZISTEN – SCHÜTZEN NUR FASCHISTEN! und WEG MIT DER POLIZEI! FASCHISTENPACK1!
Rolf hielt ihre Hand ganz fest, hochkonzentriert, versuchte hüpfend mehr zu sehen.
Lass uns abhauen.
Wir müssen zusammen bleiben!
Die Menge schob sich nach links. Der Druck gegen ihren Block wurde stärker. Hannah stand eingeklemmt zwischen zwei großen Jungen, wurde gegen die Menge gedrückt, die zwischen Absperrgittern gefangen war. Rolf war zum Glück noch neben ihr. Es roch nach Schweiß, Bier und Angst. Ihr Herz pochte oben im Hals, als hätte es sich dorthin verschoben. Sie krampfte die Finger in Rolfs Hand. Hier kommen wir nicht raus! Wir haben keine Chance! war ihr einziger Gedanke. Sie stellte sich vor, unten zu liegen und alle trampelten über sie hinweg. Das hatte sie in einem Film gesehen und gerade in diesem Moment musste ihr das wieder einfallen! Rolf zog sie weiter. Sie war zu klein, um über die Menge zu blicken, jemand rief:
Dahinten ist alles schwarz von Bullen. Hau ab, wer kann!
Das Geschrei und Gebrüll im Rücken, schoben sie sich Stück für Stück weiter, dann rannten sie, erreichten eine Querstraße ohne Absperrgitter, konnten in der beginnenden Dämmerung in einer Einfahrt verschnaufen. Erst jetzt lösten sie die Hände voneinander, die steif geworden waren vom Aneinanderklammern. Der Junge mit der Tomatentüte stand wie sie unschlüssig an einem Hauseingang.
Wirf die bloß weg, sagte Rolf.
Eine Tür hinter ihnen öffnete sich. Sie erschraken, blieben aber stehen.
Was machen Sie denn hier?
Ein Mittfünfziger in Anzug und Krawatte kam heraus und sah sie prüfend an. Hannah versuchte eine Erklärung.
Wir waren bei der Demonstration da vorn. Die Polizei. Die prügelt, die jagt uns.
Vor Wut und Angst kamen die Worte stolpernd. Der Mann musterte sie skeptisch. Im Schein der Treppenhausbeleuchtung sah sie, dass Rolfs Hemd schief über der Schulter hing, Knöpfe waren abgerissen, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Und sie sah sicher auch nicht besser aus.
 Ihr könnt durch den Hof in die Seitenstraße, sagte er bedächtig, als überlege er. Dann bot er ihnen an, etwas zu trinken zu holen. Hannah nickte zustimmend und versuchte ein Lächeln, spürte, wie durstig sie war. Der Mann lief die wenigen Stufen zur Parterrewohnung hoch.
Ob der die Polizei holt? flüsterte Rolf.
Hannah schüttelte erschreckt den Kopf. Das Flurlicht leuchtete wieder auf. Mit einer Flasche Mineralwasser kam der Mann in den Hof zurück.
Wie viel Glück sie gehabt hatten, begriffensie erst später. Andere waren direkt der Polizei übergeben oder wüst beschimpft worden:
Euch sollte man vergasen! hatte man den Demonstranten hinterher gerufen.
Durch den Hinterhof erreichten sie mühelos eine Seitenstraße, liefen schweigend nebeneinander her. Von fern hörten sie den Lärm von Sirenen.
Keine Feindberührung mehr, stellte Rolf lakonisch fest. Er war bei der Bundeswehr gewesen und machte gern solche Sprüche. Was wohl mit den anderen Demonstranten passiert war? Hätten sie bleiben, nach Verletzten sehen sollen? Die wenigen Studenten in der U-Bahn in Richtung Süden winkten ab. Jeder musste sich retten, keine Möglichkeit, gemeinsam gegen die Bullen vorzugehen.
Ein Junge lag auf der Bank, den Kopf im Schoß seiner Freundin. Er hielt ein blutig verschmiertes Taschentuch vor die Nase, ein anderer hatte die Knie aufgeschürft. Ein Mädchen weinte hemmungslos. Sie sei von einem Schlagstock auf den Kopf getroffen worden, sagte ihr Freund. Seitdem habe sie einen Weinkrampf und könne sich nicht beruhigen.
Diese Schweine! rief jemand.
Hannah riet dem Studenten mit dem weinenden Mädchen:
Geht in eine Ambulanz, in Zehlendorf ist eine. Deine Freundin hat einen Schock.
Und du meinst, die behandeln uns? Für die sind wir doch nur Abschaum.
Nein, die müssen euch behandeln, die sind auf diesen Eid verpflichtet.
Dass Verletzte nicht behandelt würden, weil sie Demonstranten waren, überstieg ihr Vorstellungsvermögen.
Der Student streichelte das weinende Mädchen. Am Hohenzollerndamm stieg ein aufgeregter junger Mann zu.
Habt ihr schon gehört, ein Polizist soll von Demonstranten erstochen worden sein.

So ein Quatsch. Erstochen! Solche Gerüchte setzten die in die Welt, um sich aufzugeilen. Sie erlebten ein Gefühl der Bedrohung, wie sie es vorher nicht gekannt hatten.
Endstation Krumme Lanke stiegen sie in den Bus. Erschöpft lehnte Hannah ihren Kopf an Rolfs Schulter, froh, ihn neben sich zu haben.
Verstehst du, warum die Polizei uns nicht abziehen ließ?
Vielleicht wollten sie ein für alle Male aufräumen mit dem Demonstrieren.
Nein, das kann nicht sein, das ist doch unser demokratisches Recht.
Vielleicht wollten sie Rache nehmen für frühere Demonstrationen?
Aber so was wird doch von oben befohlen?
Sie stiegen die Treppe zu ihrer Wohnung hinab. Die Souterrainwohnung bestand aus zwei winzigen Kellerräumen mit Toilette. Duschen war nur kalt mit dem Gartenschlauch in der Waschküche möglich. Aber die Wohnung war billig und mit 10 DM ›Wassergeld‹ für den Zweitmieter ließ sich die Wirtin bezahlen, dass sie unverheiratet zusammen lebten. Alle Pläne für eine Wohngemeinschaft waren bisher an der fehlenden Heiratsbescheinigung gescheitert. Der Kuppeleiparagraf war noch nicht abgeschafft.
Sie stellten sofort das Radio an, erwischten die Abendnachrichten des Londoner Rundfunks in deutscher Sprache. In Berlin sei bei Auseinandersetzungen wegen des Schah-Besuchs ein Student gestorben. Name und Hergang noch ungeklärt.
Gestorben! Das kann doch gar nicht sein. Haben die ihn totgeprügelt?
Oder erschossen?
Ach was! Wir sind doch nicht in Persien!
Sollten sie zurückfahren? Irgendwo anrufen? Sie hätten zur nächsten Telefonzelle oder gleich zur übernächsten laufen müssen, um einen intakten Apparat zu finden. So blieben sie erst einmal am Radio sitzen, holten eine Flasche Lambrusco und etwas zu essen, warteten unruhig auf die nächsten Nachrichten. Die Meldung von einem toten Demonstranten wurde zur Gewissheit. Wie er gestorben war, blieb unklar, nur der Name war schon bekannt. Eine Vermutung lautete, er sei bei Auseinandersetzungen mit der Polizei gestürzt und habe einen Schädelbasisbruch erlitten. Erst am nächsten Morgen erfuhren sie, dass er erschossen worden war. Noch einige Male hörten sie auf verschiedenen Sendern die immer gleichen Nachrichten. Im Bett schmiegten sie sich eng aneinander. Eine Weile sprachen sie noch darüber, wie sie im Hof voller Anspannung darauf gewartet hatten, dass etwas passieren würde. Polizei, ein Überfall, irgendetwas.
Wir sind noch einmal davon gekommen.
Hannah spürte durch die Schlafanzugjacke Rolfs warmen Körper. Das Leben zu riskieren, weil sie demonstrierten, das war bisher unvorstellbar gewesen. Die Eier, die auf das Amerika-Haus geworfen wurden, fielen ihr ein. Da wurde viel von Gewalt gesprochen, Gewalt gegen dieses Gebäude und über die Fahne, die verbrannte. Aber niemand war damals verletzt worden. Und jetzt war sogar jemand tot.
Sie tasteten einander ab, drangen mit den Händen in tiefere Zonen vor. Das Streicheln ging in heftiges Begehren über. Hannah war anfangs unsicher, ob das Lieben zu diesem Tag passte. Dann verdrängte sie die Schrecken des Abends und sie liebten sich intensiv wie selten zuvor.

Diese Bücher gibt es auch als E-Book:

Die Machtfrau. Hilde Benjamin.

Rote Fahnen Rote Lippen.

Im Salon der Dichterinnen. Die Nelly-Sachs-Preisträgerinnen.

Anna O. Bertha Pappenheim. Biografie.