Bertha Pappenheim - Anna O.

Biographie

pappenheim

Im Frühjahr 2004 erschien die
Biografie bei Reclam als
Taschenbuch unter dem Titel:

Sigmund Freuds Anna O.
Das Leben der Bertha Pappenheim.

12.90

Pappenheim-Startseite | Leseprobe

Rezensionen

Sonntagsausgabe der Neuen Züricher Zeitung vom 21.09. 2003

Sigmund Freuds erste Patientin war Feministin

Zwei Bücher beleuchten bisher verborgene Aspekte aus dem Umfeld des Gründers der Psychoanalyse

Marianne Brentzel: Anna O. - Bertha Pappenheim. Wallstein, Göttingen 2002. 319 Seiten, Fr. 49.70.
Lydia Marinelli (Hrsg.): Freuds verschwundene Nachbarn. Turia und Kant, Wien 2003. 127 Seiten, Fr. 34.50.
Von Peter Schneider in: NZZ am Sonntag, 21.09.2003, Nr. 38, S. 81

Anna O. war der Name, den Josef Breuer einer Patientin gegeben hatte, in deren Behandlung und mit deren aktiver Beteiligung 1880-82 ein neuartiges Verfahren zur Behandlung der Hysterie entstanden war. Breuers jüngerer Freund Sigmund Freud war von der neuartigen Therapie des "Abreagierens" pathologisch gewordener Affekte unter Hypnose derart fasziniert, dass er sie auch an eigenen Patientinnen ausprobierte und Breuer schliesslich dazu bewegte, mit ihm gemeinsam ein Buch darüber zu veröffentlichen: die 1895 erschienenen "Studien über Hysterie". 1953 lüftete Ernst Jones in seiner grossen Freud-Biografie das Geheimnis um das Pseudonym Anna O.: "Da sie die eigentliche Entdeckerin der kathartischen Methode war, verdient ihr eigentlicher Name Bertha Pappenheim (27. Februar 1859 bis 28. Mai 1936) hier Erwähnung."
(...)
So rege bis heute Anna O.s Bedeutung für die Psychoanalyse diskutiert wurde, so sehr verschwand Bertha Pappenheims späteres Leben hinter diesen Debatten. Erst jetzt hat Marianne Brentzel mit ihrem Buch dafür gesorgt, dass - in Umkehrung ihres Buchtitels - nicht mehr nur Breuers Patientin im Zentrum des Interesses steht. Nur etwa ein Viertel des Bandes befasst sich mit der Kindheit und der Zeit ihrer Erkrankung, den Rückfällen und der nur langsamen Genesung. Der grössere Teil schildert Bertha Pappenheims Engagement in der Frauenbewegung der Jahrhundertwende in der Zeit nach ihrer Übersiedlung von Wien nach Frankfurt. 1904 ruft sie den Jüdischen Frauenbund ins Leben, einen Zusammenschluss der zahlreichen lokalen und isoliert arbeitenden Israelitischen Frauenvereine auf nationaler Ebene. Bald schon sorgt sie für Aufregung, indem sie die Hilfe für unverheiratete jüdische Mütter und deren Kinder zu einer wichtigen Aufgabe des Frauenbundes erklärt und, damit nicht genug, sich auch noch des Themas jüdischer Frauen annimmt, welche aus den armen ostjüdischen Gemeinden in die Bordelle der grossen Städte "importiert" werden. 1907 gründet sie in Neu-Isenburg in der Nähe von Frankfurt ein Heim für ledige Mütter und ihre Kinder; nach dem Ersten Weltkrieg wird der Kampf gegen den Antisemitismus zu einem zunehmend wichtigeren Anliegen. Bertha Pappenheim stirbt 1936, zwei Jahre bevor ihr "Juden-Heim" in Neu-Isenburg in der Pogromnacht vom 10. November 1938 vom Mob niedergebrannt wird.
1938 ist auch das Jahr, in dem Sigmund Freud mit seiner engeren Familie ins Exil nach London geht und seine Wohnung und Praxis an der Berggasse 19 in Wien verlässt. Im öffentlichen Bewusstsein ist damit die Geschichte dieser berühmten Adresse beendet und wird erst viele Jahre später, dann in musealer Form, wiederbelebt. Die von der Kuratorin Lydia Marinelli konzipierte Ausstellung "Freuds verschwundene Nachbarn" des Wiener Freud-Museums (nur noch bis 28. September!) und das dazu erschienene gleichnamige Buch konterkarieren diese Sichtweise.
(...)
Marianne Brentzels Bertha-Pappenheim-Biografie und der von Lydia Marinelli herausgegebene Band über Freuds Nachbarn sind nicht bloss Marginalien zur Geschichte der Psychoanalyse. Sie erinnern eindrucksvoll an das, was in dieser (wie jeder anderen) Geschichtsschreibung vergessen wurde, weil es bloss "sekundär" zu sein schien.

 

Frankfurter Rundschau - Feuillton 29.06. 2002
Die Unerhörtheiten der Anna O.
Hinter der Maske der Hysterie: Marianne Brentzel macht uns mit der Publizistin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim bekannt

Von Eva Jaeggi
Jeder, der sich mit Psychoanalyse auch nur oberflächlich befasst, kennt andeutungsweise die Geschichte der hysterisch erkrankten Anna O. Von Breuer mittels Hypnose und der berühmten "talking cure" behandelt und von Freud und Breuer als erfolgreiche Krankengeschichte dargestellt, gilt sie als das erste Zeugnis der neuen Wissenschaft von der Psychoanalyse. Ist man noch besser informiert, dann weiß man, dass sich hinter dem Pseudonym Anna O. der Name einer jungen schönen Wiener Jüdin aus reichem Haus - Bertha Pappenheim - versteckt, und dass sie übrigens keineswegs gesund aus der Behandlung Breuers entlassen wurde. Gerade als Breuer nämlich das Ende der Behandlung verkündete, gab es einen schrecklichen Rückfall: Er wurde zurückgerufen, das junge Mädchen wand sich in entsetzlichen Krämpfen und delirierte, dass sie nun ein Kind von Breuer bekommen werde.
Breuer aber brach daraufhin die Behandlung ab.
Man muss nicht psychoanalysekundig sein, und dieses erneute Symptom deuten zu können.
Bekanntlich musste Bertha noch jahrelang weiterbehandelt werden; Freud aber - der diese letzte Schlüsselszene in ihrer Bedeutung wohl erkannte, schrieb in einem Brief an Arnold Zweig, Breuer hätte den Schlüssel zum Verständnis der Psychoanalyse schreckhaft fallen lassen - es sei ihm das "Faustische" eben abgegangen. Die Psychoanalyse mit ihren vielen theoretischen Implikationen in Bezug auf Sexualität aber wurde von Freud alleine weiterentwickelt. Verblüffender Weise wissen wir zwar einiges über den weiteren schwierigen Verlauf der hysterischen Erkrankung der Protagonistin, die etwa zehn Jahre dauerte, also bis zum 31. Lebensjahr, aber diese Krankheit hat in späteren Zeiten für Bertha Pappenheim anscheinend keine Rolle mehr gespielt – sie wird von ihr nie mehr erwähnt, auch nicht nach der (reichlich indiskreten) Veröffentlichung in Breuers und Freuds Studien zur Hysterie 1895.
Die vorliegende Biografie erzählt auf angenehm informierende Weise nicht nur das ganz spezielle Schicksal Bertha Pappenheims, die schließlich eine bedeutende Figur in der Geschichte der jüdischen Frauenbewegung und der Sozialarbeit, wurde, sondern liefert auch Zeitgeschichte mit: das Leben einer reichen und reich begabten jüdischen Frau in einer Gesellschaft der Ambivalenz zwischen antisemitischen Vorurteilen und Liberalität, die zur Anpassung führt.
Noch nicht ganz genesen von ihren hysterischen Symptomen, fing sie an, sich schriftstellerisch zu betätigen, veröffentlichte Kindergeschichten und wurde nach und nach lebensfähiger. Neben freiwilliger Wohltätigkeitsarbeit begann sie mit Übersetzungen von Emanzipationsschriften von Mary Wollstonecraft.

Alle diese Aktivitäten bewegten sich noch in einigermaßen konventionellen Bahnen für ein unverheiratetes jüdisches Mädchen. Bald aber überschritt sie diese engen Konventionen.
Ohne spezielle Ausbildung begann sie, sich der Frauenfrage in den unterentwickelten Regionen Galiziens anzunehmen: Sie hielt öffentliche Vorträge, sie gründete einen Verein "Weibliche Fürsorge", sie reiste unter schwierigen Umständen in entlegene Gegenden nach Galizien und Russland.
Sie zeigt ein besonderes Interesse am Mädchenhandel - ein damals für arme Ostjüdinnen besonders gefährliches Geschäft. In diesem Zusammenhang besucht sie - welche Unerhörtheit! - Bordelle und gründet ein Mädchenheim. Ihre Vortragstätigkeit, Reisen, Übersetzungen sind ungewöhnlich. Zwar
bemüht sie sich, ihre Umwelt nicht allzu sehr zu provozieren, aber in wesentlichen Punkten ist sie unerbittlich. Wie bei vielen Juden der Kriegs- und Zwischenkriegszeit herrscht auch bei ihr Optimismus vor: Man werde sich als Jude immer besser in die Gesellschaft integrieren können. Ihre scharfe Ablehnung des Zionismus hat darin ihre Wurzel: Nicht Abgrenzung, sondern Integration wünscht sie sich. Sie hatte das Glück, nicht mehr alle Schrecken miterleben zu müssen.
Nachdem man sie 1936 - todkrank - einer Verleumdung wegen bei der Gestapo einem peinigenden Verhör unterzogen hatte, verließ sie das Bett nicht mehr und starb einige Wochen später in Neu-Isenburg, dem Ort, an dem sie ihr erstes Mädchenheim gegründet hatte.

Was an dieser Biografie von Marianne Brentzel fasziniert, ist die präzise Unaufgeregtheit, mit der sie über dieses bemerkenswerte Leben, das bisher viel zu wenig kommentiert wurde, berichtet. Anna O. stand viel zu sehr im Vordergrund - Bertha Pappenheim verschwand darunter, obwohl man seit 1953 auch offiziell um ihre Identität weiß. Natürlich gab und gibt es seither Interpretationsversuche, die sich auf die Inhalte ihrer Krankheit beziehen. Marianne Brentzel wehrt sie eher ab - zu Recht. Allzu leicht verschwinden die unbestreitbar großen Verdienste dieser unbestreitbar großen Frau in eine pathologisierende Sprache, die in der Arbeit dieser unverheirateten und eindeutig dem männlichen Geschlecht skeptisch gegenüberstehenden Frau "nur" ein Abwehrprodukt ihrer unerlösten Sexualität sieht.

Man mag dies deuten, wie man will. Sicher lässt sich einiges finden, das einer solchen These zustimmt. Natürlich aber kann man auch von "Sublimierung" sprechen. Als Zeitdiagnose wichtiger erscheint die von der Adoleszenzforscherin Vera King in diesem Zusammenhang angestellten Überlegungen zur Hysterie des 19. Jahrhunderts: In dem Maß, in dem man Mädchen in der Zeit der Adoleszenz nicht das nötige Moratorium gönnt, um mit ihrem neuen Körper und dessen neuen Funktionen innerlich fertig zu werden, wird der Körper oft zum Spielfeld von hysterischen Symptomen.
Dieses Moratorium aber ist nur dann gewährleistet, wenn man den Adoleszenten den Freiraum für Bildung und Ausbildung schafft und sie nicht von der Tochter geradewegs zur Mutter und Ehefrau befördert. Genau dies aber war im 19. Jahrhundert, der Blütezeit weiblicher Hysterie, üblich. Wenn man bedenkt, wie viele kluge Frauen damals ihre Kräfte durch Symptome vergeudet haben, dann wird einem als Frau doch etwas wehmütig zu Mute. Bertha Pappenheim hat es aus eigener Kraft geschafft - auch dies verdient Respekt.
"Was an dieser Biografie von Marianne Brentzel fasziniert, ist die präzise Unaufgeregtheit, mit der sie über dieses bemerkenswerte Leben, das bisher viel zu wenig kommentiert wurde, berichtet."

 

Neue Zürcher Zeitung 3. Juli 2002, «Anna O.» und Bertha P.

Eine Biographie Bertha Pappenheims

von Ludger Lütkehaus

Bertha Pappenheim ist die berühmteste und umstrittenste, die «Urpatientin» der
Psychoanalyse. Als die Geschichte der «Anna O.» ist ihre Krankengeschichte in die «Studien über Hysterie» eingegangen, das 1895 erschienene Gemeinschaftswerk Josef Breuers und Sigmund Freuds, das hundert Jahre später noch vor Freuds epochemachender «Traumdeutung» als eigentliches «Urbuch der Psychoanalyse»
gefeiert wurde.

Mit einigem Recht. Den «Studien» gemäss konnte «Anna O.» als die eigentliche
Entdeckerin der «kathartischen Methode» gelten. Die schweren hysterischen
Symptome, unter denen sie litt - Lähmungen, Empfindungs-, Seh- und
Sprachstörungen, Phobien, Neuralgien -, konnte sie gleichsam «wegerzählen»,
wegsprechen, wenn es ihr mit der hypnotischen Hilfe ihres behandelnden Arztes Josef Breuer gelang, im Erzählen zu den traumatisierenden Szenen und Affekten
zurückzufinden, die am Beginn der Symptombildung standen. Mit der «Anna O.»
eigenen sprachlichen Begabung nannte sie selber das ihre «talking cure», ihre
Sprechkur, oder, noch plastischer, ihr «chimney-sweeping», ihr verbales
Schornsteinfegen. Ein psycho-homöopathischer Prozess, ein buchstäblich beredtes Psycho-Drama lief hier ab, in dem die Sprache, an die sonst im Fin de Siècle weder die Dichter noch die Philosophen mehr glaubten, als Königsweg der Therapie wirkte.

Eine Revolution

Die Revolutionierung der psychiatrischen Beziehung, die Patientenzentriertheit der Therapie, die Selbstbescheidung des Arztes auf die Rolle eines hypnotischen
Geburtshelfers und eines in «gleichschwebender Aufmerksamkeit» konzentrierten
Zuhörers, eines Virtuosen der Rezeptivität, ging damit einher. Ausserdem hatte
«Anna O.» ihrem Arzt allem Anschein nach den Gefallen getan, «sich vollständiger Gesundheit» seit dem Abschluss der Kur zu «erfreuen», wie er in den «Studien»,
dreizehn Jahre nach dem Ende seiner Behandlung, schrieb. Last, but not least hatte sie die sexuellen Implikationen ihrer Hysterie - die Fixierung auf den von ihr gepflegten, geliebten Vater und die Übertragungsliebe zum Therapeuten mit einer hysterischen Schwangerschaft - so deutlich erkennen lassen, dass der von seiner Patientin faszinierte Breuer sein ehetreues Heil in der Flucht suchen musste, Freud aber den Schlüssel zur sexuellen Ätiologie der Hysterie fand.

Freilich war die Diskrepanz zwischen Breuers Falldarstellung in den «Studien» und dem Krankenbericht, den er dreizehn Jahre zuvor für das Sanatorium «Bellevue» in Kreuzlingen verfasst hatte, wo «Anna O.» nach dem Ende der Behandlung von neuem untergebracht werden musste, gravierend, die attestierte «vollständige Gesundheit» ein geradezu zynisches Märchen.

Kritische Historiker der Psychoanalyse, von Henri F. Ellenberger und Albrecht
Hirschmüller, der Breuers ersten Krankenbericht aufgefunden hat, über Peter Swales bis zu Mikkel Berch-Jacobsen, deren polemisches Temperament im vermeintlichen «Urbuch» gleich die Urlüge der Psychoanalyse entdeckt hat, haben denn auch die Fallgeschichte der «Anna O.» rigoros richtiggestellt. Aber was war denn vor und vor allem nach «Anna O.» mit Bertha Pappenheim - sozusagen ohne Anführungszeichen? Hatte sie kein Leben jenseits ihrer Krankengeschichte?

Doch, sie hatte. Als Sozialpionierin, deren «organisierter Mütterlichkeit» der Wandel von der Wohltätigkeit zur Sozialarbeit zu danken war; als Reformerin des
Heimwesens, Gründerin des jüdischen Frauenbundes, die Feminismus und Judentum zu verbinden suchte; als unermüdliche Kämpferin gegen den Mädchen- und Frauenhandel zumal mit Jüdinnen aus Osteuropa, als Autorin und Übersetzerin (mit dem «inversen» männlichen Pseudonym Paul Berthold) hat sie nicht erst seit der
neueren Frauenbewegung Beachtung gefunden. Doch die jetzt erschienene Biographie von Marianne Brentzel macht schon im Doppeltitel und in der Gewichtsverteilung deutlich, wie es um das neue Verhältnis von «Anna O.» und Bertha Pappenheim steht: Nach gerade einem Fünftel des Buches tritt «Anna O.» hinter der Frau zurück, deren Schatten und Episode sie allein gewesen sein soll.

Die neue Biographin hat umfassend recherchiert. Sie zeichnet das lange Leben Bertha Pappenheims von 1859 bis zu den ersten drei Jahren der NS-Diktatur detailliert nach.
Die umfängliche, sehr kontroverse Literatur ist umsichtig einbezogen. (...)
Einiges an der Doppelbiographie bleibt freilich nach wie vor lücken- oder auch
rätselhaft. Die Jahre zwischen 1883 und 1888, also nach dem Ende der Behandlung durch Breuer und der Übersiedlung nach Frankfurt am Main, sind trotz neueren Forschungen noch unerhellt. In Frankfurt erblickt offenbar eine neue, gesunde Bertha P. das zuvor verschattete Licht der Welt. Brentzels resümierender Satz über diese Phase liest sich wie ein modernes Märchen - und wie eine Parodie auf Breuers Freude an der «vollständigen Gesundheit» seiner Ex-Patientin: «Bertha Pappenheim wurde gesund und lebte seit 1888 in Frankfurt ( . . . ), als hätte es eine Patientin mit dem berühmten Pseudonym Anna O. nie gegeben.» Sublimationen.

Aber es hat sie gegeben. Und ob die teleologisch trivialisierte Sinngebung ihrer
Krankheit - die Flucht in die Krankheit als Ausbruch aus den gesellschaftlich
vorgegebenen Lebensmustern - plausibler als eine trivialisierte psychoanalytische
Deutung ist, steht dahin. Heutigen Lesern kann die Psycho-Logik der Urszene von
«Anna O.s» Erkrankung mit ihrer Verbindung von aggressiven, erotischen und
buchstäblich lähmenden Abwehrimpulsen nach wie vor sehr schlüssig erscheinen.
Und man tut der Bedeutung dieser eindrucksvollen Frau keinerlei Abbruch, wenn
man in ihrer schriftstellerischen und rhetorischen Aktivität die Fortsetzung ihrer
«talking cure», in der Strenge ihrer religiösen Orthodoxie die Kontinuität der
Reinheitsgebote und in ihrem Kampf gegen den organisierten Mädchenhandel, ihrer stellvertretenden Mutterschaft für die Erniedrigten und Verschacherten, auch das symbolische Moment sieht. Dass Bertha Pappenheim für ihre Zöglinge von jeder Psychoanalyse nichts wissen wollte, kann man bei der Nachfahrin von «Anna O.» gut verstehen. Geglückte Sublimationen werden aber umso eindrücklicher, je mehr man das Sublimierte an ihnen sieht. Nicht zu vergessen auch, dass Bertha P. im letzten Jahrzehnt ihres Lebens in der Beziehung zu Hannah Karminski eine späte Liebe
erlebte.

Doch was sind alle Deutungen schon gegen die brutalen Realien. Noch kurz vor ihrem Tod am 28. Mai 1936 wird die Schwerkranke von der Gestapo terrorisiert. Nicht mehr erleben musste sie den Abend nach der Reichspogromnacht: Da zündeten die Vertreter der Rassereinheit das von ihr begründete Mädchenheim an.

 

PSYCHOLOGIE HEUTE vom 10.10. 2002:

Anna ist Bertha
von Gerd Busse

Die Behandlung der "Anna O." ist wohl der berühmteste Fall in der Geschichte der Psychoanalyse, er ist Grundmythos und Heldenepos in einem. (...) Anna O., die in Wirklichkeit Bertha Pappenheim (1859 - 1936) hieß, wurde erst Jahre später geheilt. Sie entwicklete sich zu eienr engagierten und bekanten Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin, die sich große Verdienste um die die Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels erwarb. Vor allem dieser weitgehend unterbelichteten Seite widmet sich Marianne Brentzel in ihrer lesenswerten und gut recherchierten Biografie über Bertha Pappenheim.

Bertha Pappenheim, die von 1859 bis 1936 lebte, wurde 1954 auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost als „Helferin der Menschheit“ geehrt. Sie war als Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, durch ihren engagierten Kampf gegen den Mädchenhandel und durch ihren unermüdlichen Einsatz für unverheiratete jüdische Mütter und ihre Kinder bekannt geworden.
Noch berühmter wurde sie aber unter dem Pseudonym Anna O. als die Patientin, deren Krankheit und deren angebliche Heilung durch die „kathartische Methode“ ausführlich in den 1895 erschienenen „Studien über Hysterie“ beschrieben wurde, die Josef Breuer und Sigmund Freud gemeinsam veröffentlichten.

Die umfangreiche Literatur über Anna O./Bertha Pappenheim wird nun durch eine Biographie Marianne Brentzel erweitert, die sich in ihrem Buch mit dem gesamten Leben und Werk Bertha Pappenheims und nicht nur mit ihrer Krankheitsphase beschäftigt.

Die Autorin geht ausführlich auf die sozialen Hintergründe des Lebens von Bertha Pappenheim ein; sie schildert ihre Herkunftsfamilie, die jüdischen Lebensverhältnisse in Wien und in Frankfurt am Main und die Stellung der Frau in Bertha Pappenheims Lebenszeit. Bertha Pappenheims literarische Arbeiten, ihr Engagement in der Frauenbewegung und im Kampf gegen den Mädchenhandel sowie ihre Tätigkeit in Wohltätigkeitsorganisationen und als Leiterin eines Heims für jüdische Kinder, Jugendliche und alleinstehende Mütter werden in Marianne Brentzels Buch ausführlich dargestellt. Trotz aller Sympathie für diese bemerkenswerte Frau idealisiert die Autorin sie nicht, sondern weist auch auf problematische Verhaltensweisen und
Fehleinschätzungen von Bertha Pappenheim hin.

Bei der Beschreibung von Berthas Krankheit, ihrer Behandlung durch Josef Breuer in den Jahren 1880 bis 1882 und den späteren Sanatoriumsaufenthalten orientiert sich die Autorin vor allem an den Forschungen des Medizinhistorikers Albrecht Hirschmüller. Marianne Brentzel betont besonders den „rebellierenden Charakter“ hysterischer Störungen:

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entfaltete sich das Krankheitsbild
der weiblichen Hysterie wie nie zuvor und niemals mehr danach. Es scheint ein
enger Zusammenhang zwischen dem massenhaften Auftreten der Hysterie und der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Unterdrückung der Frauen zu bestehen.Die Autorin referiert auch die verschiedenartigen Deutungen des Falls Anna O. in der psychoanalytischen und der analysekritischen Literatur. Alternative Standpunkte werden aber nur
kurz besprochen. Wer sich für neue Aspekte des Falles Anna O. interessiert, sollte sich mit Mikkel Borch-Jacobsens Buch „Anna O. zum Gedächtnis“ (1997) beschäftigen (siehe die Besprechung von Gerald Mackenthun). Wer sich für eine umfassende Darstellung des Lebens und des Werks von Bertha Pappenheim interessiert, dem möchte ich Marianne Brentzels gründlich recherchierte und gut geschriebene Biographie sehr empfehlen.

Christof T. Eschenröder

 

taz 1./2. Februar 2003:

Philantropie als Ausweg.

Zwischen Hysterie und Engagement: Wie aus der Lebensnot bürgerlicher Mädchen die Grundlagen weiblicher Sozialarbeit entstanden, zeigen die Lebensgeschichten von Bertha Pappenheim und Alice Salomon. von Katharina Rutschky.