»Mir kann doch nichts geschehen.«

Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury

Nesthäkchen kommt ins KZ

'Nesthäkchen kommt ins KZ'
'Eine Annäherung an Else Ury
1877-1943'

Originalausgabe von 1992
edition ebersbach


ury

'Mir kann doch nichts geschehen'
Das Leben der Nesthäkchenautorin
Else Ury.

edition ebersbach

Leseprobe | Rezensionen


Nesthäkchen und der Weltkrieg

'Nesthäkchen und der Weltkrieg'
Vorwort zur Neuauflage

Geest Verlag

Artikel in der Welt am Sonntag
vom 21.12.2014

2015 erschien die neue Ausgabe der Else-Ury-Biografie in der Reihe blue notes bei der edition ebersbach& simon.

Mir kann doch nichts geschehen ...Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury Biographie. Preis: 16.80€


Es ist die zweite Annäherung an Else Ury nach "Nesthäkchen kommt ins KZ".

Im Herbst 1992 erschien "Nesthäkchen kommt ins KZ" Eine Annäherung an Else Ury in der edition ebersbach.

In den letzten Jahren gab es viele neue Informationen und Forschungsergebnisse zu Else Urys Leben und Werk. Diese sind in die neue Version eingegangen.

Seit 1948 erschienen die Nesthäkchen-Bücher wieder. Damals im Hoch Verlag, der leider auch sehr viele Änderungen vornahm, die das Lokalkolorit Berlins und andere wichtige Besonderheiten der Ury-Bücher betrafen.

Nur ein Band erschien nicht mehr:

Nesthäkchen und der Weltkrieg.
Anfangs, nach dem grausamen Krieg mit Millionen Toten war das verständlich. Niemand wollte von der Begeisterung Nesthäkchens für gewonnene Schlachten lesen. So landete das Buch 1945 (zurecht) auf der Zensurliste der alliierten Kontrollbehörden.

Das Buch ist nun erschienen und kann beim Geest-Verlag, bei mir oder bei allen guten Buchhandlungen erworben werden. Preis: 12.50€

WER war Else Ury?

Else Ury, höhere Tochter aus Berlin, wurde in Berlin-Mitte, Nähe Alexanderplatz, in der Heilig-Geist-Straße geboren. Der Vater, Emil Ury, war Tabakfabrikant, die Mutter, Franziska, geb. Schlesinger, leitete den großen Haushalt. Die Geschwister: Ludwig wurde Rechtsanwalt (1870-1963), Hans wurde Arzt (1873-1937), Käthe, das reale Nesthäkchen der Familie, (1881-1943), machte eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin und heiratete den Baurat Hugo Heymann.

Die Familie Ury war in der dritten Generation in Berlin ansässig. Der Großvater, Levin Elias Ury, bekam 1828 als jüdischer Einwanderer aus Tangermünde Stadtbürgerrecht in Berlin. Er wurde Vorsteher der großen jüdischen Gemeinde. Es war eine typische jüdische Bürgersfamilie, in der der Großvater noch Kleiderhändler, der Vater Fabrikant und die Brüder von Else Ury Rechtsanwalt und Arzt wurden.

Else Ury konnte nach der zehnten, der Abschlussklasse des Mädchenlyzeums, keine Berufsausbildung machen. Doch sie nutzte ihr Talent. Sie begann zu schreiben.

1905 erschien Else Urys erstes Buch: "Was das Sonntagskind erlauscht", 1906 der Jugendroman "Studierte Mädel".

Wahrscheinlich 1913 erschienen die ersten beiden Bände der Erfolgsserie: Nesthäkchen. Bis 1925 war die zehnbändige Geschichte der Annemarie Braun fertig. Von den Tantiemen der erfolgreichen Veröffentlichungen konnte Else Ury sich auch ein Ferienhaus kaufen. In Krummhübel (heute Karpacz) im Riesengebirge erwarb sie ein Haus, was ab 1926 als "Haus Nesthäkchen" ihre zweite Heimat wurde.

"Nesthäkchen" wurde eine der bekanntesten Kinderbuchserie des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Fast sieben Millionen Auflage können die Mädchenbücher für sich verbuchen, 55 Prozentaller erwachsenen Frauenn nennen Nesthäkchen unter den bekanntesten Mädchenbücher an erster Stelle.

Doch das Schicksal der Autorin lag lange Zeit völlig im Dunklen.

Die Germanisten und Jugendbuchspezialisten kümmerten sich einfach nicht um die, wie sie meinten "Propagandistin der heilen Welt". So brauchte es nach dem Tod Else Urys in Auschwitz noch einmal 50 Jahre, bis endlich eine Biografie über die bis dahin wohl unbekannteste Bestsellerautorin der zwanziger Jahre erschien.

Hinter der Fassade der "heilen Welt" der Backfischromane von Else Ury lauert das reale Leben der Schriftstellerin und ihr Tod als Jüdin in Auschwitz.

ES GIBT NOCH RESTEXEMPLARE DER HARDCOVERVERSION VON NESTHÄKCHEN KOMMT INS KZ VON 1992, DIE FÜR 20 € BEI MIR DIREKT BESTELLT WERDEN KÖNNEN.

„Dieses Buch läßt atmosphärisch die Welt des Kaiserreichs,
der Weimarer Republik und der Nazi-Zeit erstehen.“

Listen

„Marianne Brentzel ist eine sorgfältig recherchierte und kenntnisreiche
Annäherung an Else Ury und ihre Zeit gelungen.“

Evangelische Information

ZU: NESTHÄKCHEN UND DER WELTKRIEG:

Schülerinnen des Gymnasiums Alt Erlaa in Wien haben an einem Landesweiten Wettbewerb zum Ersten Weltkrieg teilgenommen und nun den ersten Preis gewonnen.
Sie hatten mir im Rahmen ihrer Arbeit folgende Fragen gestellt:
Am 31.01.2015 schrieben sie:

Sehr geehrte Frau Marianne Brentzel!
Wir sind drei Mädchen im Alter von 12 Jahren aus der Klasse 2c vom Gymnasium Alt Erlaa in Wien. Anlässlich des Gedenkjahres 1914-2014 arbeiten wir gemeinsam mit unseren Mitschülern an einem Projekt zum Thema Kinder im I. Weltkrieg.

Unsere Lehrerin im Fach Deutsch, Fr. Carina Chitta, hat uns letztes Schuljahr mit der Autorin Else Ury und ihrem Werk „Nesthäkchen“ bekannt gemacht.

Obwohl uns die Sprache dieser Buchserie anfangs altmodisch erschien, haben wir doch rasch Gefallen an den Büchern gefunden. Das mag etwas heißen, denn schließlich hat unsere „Heldin“ Annemarie Braun einen deutschen Namen (heute hieße sie wohl Ann Brown), lebt nicht in einer Geisterburg und sie verfügt weder über Zauberkräfte noch kämpft sie gegen Ungeheuer.

Annemarie ist ein Mädchen wie wir, das vor hundert Jahren mit den gleichen Ängsten und Freuden wie Gleichaltrige der Gegenwart aufwächst.

Zu unserer Verwunderung mussten wir feststellen, daß der Band 4, Nesthäkchen und der Weltkrieg, nach 1945 auf einem Index verbotener Bücher stand. Wie es in der menschlichen Natur liegt, hat uns dieser Umstand natürlich erst recht neugierig gemacht. Besonders interessant ist dieses Buch für uns, weil es mit seiner Handlung zu unserem oben beschriebenen Projekt passt. Wir haben Nesthäkchen im Krieg mittlerweile gelesen und uns auch mit dem Schicksal der Autorin Else Ury (das Sie natürlich viel besser kennen als wir) vertraut gemacht.

Liebe Frau Brentzel, es gibt viele Themen, die wir gerne mit Ihnen besprechen möchten. Sollte es Ihre Zeit erlauben, wäre es uns eine große Freude von Ihnen zu hören und einen Gedankenaustausch zu beginnen.
Wir verbleiben mit besten Grüßen:

Mia Rakic, Yasmin Mahdavi, Annika Halper

Antwort: Hallo ihr Drei,
Das ist ja eine schöne Überraschung, von eurem Leseeifer und Interesse zu hören. Ihr könnt mich alles fragen, was ihr möchtet. Legt einfach los.
Dann kommen wir sicher schon ins Gespräch.
Ganz herzliche Grüße nach Wien
Marianne Brentzel

9.02. 2015: Sehr geehrte Fr. Brentzel!

Vielen Dank für Ihre rasche Antwort, wir haben uns zu „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ einige Gedanken gemacht.

Die wichtigste Frage, die wir uns stellen, ist:

Warum hat Else Ury die Geschichte von Nesthäkchen nicht dazu benutzt, gegen den Krieg Stellung zu beziehen? Nesthäkchen im Krieg endet im Jahr 1916. Schon zu diesem Zeitpunkt mussten die anfänglichen Vorstellungen von einem heldenhaften und kurzen Krieg verflogen sein. Viele Familien hatten bereits tote Söhne und Väter zu beklagen. Die Lebensmittelschlangen vor den Geschäften und die Rationierung werden auch im Roman beschrieben. Dass Krieg nichts ruhmreiches ist, war also zumindest allen nicht verblendeten Menschen klar. Und Else Ury war eine gebildete Frau.

Unsere Hoffnung auf Einsicht lag also in der Fortsetzung „Backfischzeit“. Aber auch hier: Kein Lernprozess. Für Annemarie Braun liegt es vielleicht daran, daß sie keinen lieben Menschen verloren hat. Das Leid ihrer Familie beschränkt sich darauf, daß ihr Bruder nur noch zwei statt drei Schinkenbrote zum Abendessen bekam.

Else Ury jedoch war eine erwachsene Frau. Wieso hat sie die Gelegenheit, eine große, junge Fangemeinde gegen Gewalt einzunehmen, nicht genutzt? Schade, daß Frau Ury die Chance auf einen Entwicklungsroman vorbeiziehen lässt.

Das ist nur ein Gedanke, der uns so durch den Kopf geht. Uns interessiert Ihre Meinung dazu.

Vielen Dank für Ihre Zeit: Annika Halper, Mia Rakic, Yasmin Mahdavi, Carina Chitta

12.02. 2015:
Liebe Annika Halper, Mia Rakic, Yasmin Mahdavi und Carina Chitta,
herzlichen Dank für eure Überlegungen. Ihr habt ja so recht! Ich würde euch gern uneingeschränkt zustimmen. Aber:
Es ist sehr  schwierig mit der Beurteilung historischer Positionen und der Menschen, die darin handelten.
Ich verteidige jetzt also erst einmal Else Ury.
Sie war eine unpolitische Frau der Kaiserzeit, dachte immer, der Kaiser würde es schon richtig machen. 
In meiner Else-Ury-Biografie (Mir kann doch nichts geschehen) habe ich geschrieben:
“Mit ihrer Kriegsbegeisterung befand sich Else Ury 1914 in guter Gesellschaft. Da sind die 92 Berliner Professoren, Künstler und Wissenschaftler, die im August 1914 einen Aufruf ›an die Kulturwelt‹ erlassen. Sie nennen darin den Kaiser den Schirmherrn des Friedens und verkünden, dass nur ein siegreicher Frieden den Weiterbestand der deutschen Kultur gewährleisten werde. Die Unterschriftenliste liest sich wie eine Ehrenliste der deutschen Intelligenz: Gerhart Hauptmann, Max Planck, Wilhelm Röntgen, Max Liebermann, Max Klinger und viele andere ehrenwerte Herren unterschreiben. Hauptmann und Dehmel reimen öffentlich Lieder auf den Heldentod an der Front. Die sozialdemokratischen Zeitungen jubeln, dass der Krieg Arm und Reich zusammenschmiede und man Sozialismus sehe, wohin man nur blicke. Gertrud Bäumer, Helene Lange, Bertha Pappenheim, Alice Salomon, Marie-Luise Lüders, um die Angesehensten unter den öffentlich wirkenden Frauen zu nennen, rufen den ›Nationalen Frauendienst‹ als gewaltige Kriegsorganisation aus, die alle Frauen, unabhängig von Partei und Konfession, umfassen soll. Die jubelnden Menschen begleiten die lachenden Soldaten mit Blumen an die Züge zum Kriegseinsatz. Wir kennen diese Bilder. Else Ury wird das alles unmittelbar miterlebt haben. Auch im engsten Familienkreis. Die Rede des Kaisers vor dem Schloss und später im Reichstag hatte viele Menschen begeistert. Der schlichten Menschlichkeit von Else Ury werden diese Worte zugesagt haben. Sie hat - wie viele andere auch - den unmenschlichen imperialistischen Zweck und die dahinter liegenden Absichten der Unterdrückung jeder Opposition nicht durchschaut. 1914 nicht und später auch nicht.”

Sie war also nicht isoliert mit ihrer Meinung. Im Gegenteil. Isoliert waren Menschen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die für ihre Kundgebungen gegen den Krieg ins Gefängnis mussten.
Die Bildung, das müssen wir daraus erkennen, schützt also nicht vor Irrtum. Das ist zwar eine bittere Erkenntnis, aber die erfahren wir ja auch heute täglich, ob in Deutschland bei Pegida und anderen ausländerfeindlichen Strömungen und so etwas gibt es sicher auch  bei euch in Wien. Sogar extrem schreckliche Figuren in Nazideutschland waren “gebildet”, liebten die Musik von Beethoven und Schubert und ließen sie sich vom Mädchenorchester in Auschwitz vorspielen.
Genug der Beispiele.
 Zurück zu Else Ury.  Sie ist eine Frau voller Widersprüche, die sich auch in ihren Büchern ausdrücken. Da gibt es 1930 einen längst vergessenen Roman: “Wie einst im Mai” heißt er. Da bekennt sie sich dazu, dass insbesondere die Frauen “am Tempel des Völkerfriedens” arbeiten. Und wenig später schreibt sie in: “Jugend voraus”, dass die Deutschen sich unter dem Reichskanzler Hitler zusammenschließen sollen gegen Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise.
Für mich ist sie eine Frau, die allzu leicht nach der Mehrheitsmeinung schielt, sich in ihr häuslich einrichtet und auch dem Schlechten immer noch etwas Gutes abgewinnen will.
Sie hat sich bitter schwer getan, als verfolgte Jüdin einen eigenen Standpunkt zu finden, aber irgendwann hatte sie begriffen, dass ihr Glaube an die deutsche Kultur nicht nützte und einem befreundeten Bankfachmann, der sie aufforderte, Deutschland  doch zu verlassen, gesagt:
›Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und die feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen.‹
Und, so fährt der Mann  fort: ›Dieses Los ist ihr ja wohl leider zuteil geworden.«

Ich freue mich, wenn wir im Gespräch bleiben und
Grüße euch herzlich

 

22.04. 2015 :
Sehr geehrte Frau Brentzel!

Ich danke Ihnen für die vielen freundlichen Antworten, die Sie meinen
Schülern zukommen ließen.
Sie haben die Mädchen zum noch intensiveren Studium des liebenswerten
Nesthäkchens, seiner Zeit, seiner Schrift (mittlerweile können sie recht
flüssig Kurrent schreiben) und der Forscherin, die dem
Mädchenbuchklassiker (nicht nur) durch die Neuauflage des Weltkrieg-Bandes
neues Leben eingehaucht hat, angeregt.

Wir würden unseren email-Verkehr im Rahmen des schon erwähnten
Wettbewerbes gerne veröffentlichen und auch zu Ihrer Homepage verlinken,
Ihr Einverständnis vorausgesetzt.
Wir hoffen auf einen guten Platz, da die besten Arbeiten auf der
Schönbrunn HP veröffentlicht werden. Wir werden Sie gerne vom Ergebnis der
Auswertung in Kenntnis setzen.

Viele herzliche Grüße aus Wien
Carina Chitta

 

5.06. 2015: Liebe Freunde und Helfer unseres Nesthäkchens!

Dank eurer Hilfe konnten Nesthäkchens Freunde die Jury überzeugen, und so
kann ich voller Freude berichten:

Wir haben den Wettbewerb gewonnen!

(...)

...
liebe Frau Mag. Chitta,
liebe SchülerInnen der 2c und 2d,

wir haben die große Freude, Ihnen mitzuteilen, dass sich die Teilnahme an
unserem Schulwettberb zum Ersten Weltkrieg gelohnt hat. Das Projekt
"Nesthäkchen und der Weltkrieg" hat die Jury so sehr beeindruckt und
überzeugt, dass Sie, Frau Mag. Chitta und Ihre SchülerInnen, den 1. Preis
in der Höhe von € 1.200,00 erhalten.

Obwohl die Wahl der Jury nicht leicht gefallen ist, fiel sie dann doch
sehr eindeutig auf Ihr Projekt. Wir schicken Ihnen beiliegend die
Begründung der Jury inklusive der Angaben zu den weiteren Gewinnerklassen.
Die Projekte selbst werden spätestens ab 1. Juni auf unserer Website unter
http://wettbewerb.habsburger.net/ online stehen und somit allen
Interessenten zugänglich sein.