»Mir kann doch nichts geschehen.«

Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury

ury

"Mir kann doch nichts geschehen."
Das Leben der Nesthäkchenautorin
Else Ury.

edition ebersbach

Ury-Startseite | Rezensionen

Leseprobe


Covertext von: Nesthäkchen und der Weltkrieg:

Else Urys ‚Nesthäkchen und der Weltkrieg. Eine Erzählung für Mädchen von 8-12 Jahren‘ erschien erstmals 1922 als Band 4 der äußerst populären und erfolgreichen Nesthäkchen-Serie in Meidinger‘s Jugendschriften Verlag in Berlin.
Else Ury schildert in dieser Reihe auf der Basis eines traditionellen Frauen- und Familienbildes das Leben der Anne­marie Braun von der Kindheit bis ins Alter. Im 10. Band darf sie sogar ihren ersten Urenkel willkommen heißen. Nach vielen Neuauflagen gibt es 1983 eine Verfilmung der ersten drei Bände des Nesthäkchens für das ZDF.
Im Gegensatz zu allen anderen neun  Bänden dieser Reihe erlebte der 4. Band nach 1945 keine Neuauflage in Westdeutschland mehr. Doch zu sehr ‚Hurrapatriotismus‘? Erlag Else Ury wie so viele ihrer SchriftstellerkollegInnen in den ersten Kriegsjahren dem  nationalistischen Denken? Immerhin landet das Buch 1945 auf der Zensurliste der alliierten Kontrollbehörden.
Es wird Zeit, 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs der Frage der diesem Band zugrunde liegenden Werte genauer nachzugehen. Daher diese längst überfällige Neuauflage, der ein ausführliches Vorwort von Marianne Brentzel vorangestellt wird, die sich wie keine andere Forscherin mit Leben und Werk von Else Ury auseinandergesetzt hat und 1992 ihre Biografie unter dem Titel ‚Nesthäkchen kommt ins KZ‘ veröffentlichte (2007 in überar­beiteter und ergänzter Form neu aufgelegt unter dem Titel ‚Mir kann doch nichts geschehen‘) .

ISBN 978-3-86685-468-0                                              12,50 Euro

Vorwort von: Mir kann doch nichts geschehen:

»Zeitzeichen. Stichtag heute: 12. 1. 1943. Todestag der Jugendbuch-Schriftstellerin Else Ury. Ich sitze im Auto auf dem Weg zur Arbeit und höre WDR2. Der Name Ury ist mir vertraut wie der Geschmack von Grießbrei aus meiner Kindheit. Nesthäkchen. Ich höre die Stimmen aus dem Radio, ich sehe die stolze Serie von neun Bänden in meinem Bücherschrank vor mir. Eine Altmännerstimme sagt: »Mir wurde in Amsterdam ein letzter Brief meines Vaters übergeben und da wurde berichtet, dass meine Tante am 6. Januar 1943 von der Gestapo verhaftet worden war. Wir wussten aber aus Dokumenten später, dass sie am 12. Januar nach Auschwitz deportiert wurde, also sie war anscheinend sechs Tage im Sammellager in Nord-Berlin, bevor sie in die Viehwagen nach Auschwitz kam.« Ich fahre den Wagen an den Straßenrand. Kein Wort will ich verpassen. Das Gehörte ist mir neu, erschüttert und verwirrt mich. Der Name Else Ury war fest in meinem Gedächtnis haften geblieben, über dreißig Jahre lang, unbelastet und geschichtslos. Else Ury - eine Jüdin? Else Ury - Opfer des Völkermordes in Auschwitz? Dass die Vergangenheit uns immer wieder einholt, wusste ich bereits, aber so konkret hatte ich es selten erfahren.«
Mit diesem Bericht leitete ich 1992 meine Else-Ury-Biografie Nesthäkchen kommt ins KZ  Eine Annäherung an Else Ury ein. Für mich war die ZEITZEICHEN-Sendung im Januar 1988 der Beginn einer intensiven Beschäftigung mit Else Ury. Zuerst nahm ich Kontakt zu Klaus Heymann, dem Alleinerben und Neffen Else Urys auf. Daraus wurde eine Freundschaft, die bis heute andauert. Klaus Heymann gab mir bereitwillig viele nützliche Hinweise, schenkte mir Familienbilder, überließ mir Briefe und Zeugnisse aus dem Leben Else Urys.
Das Echo auf das Erscheinen meines Buches 1992 war überwältigend. Offensichtlich waren Else Urys Bücher, insbesondere die Nesthäkchen-Serie, für die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen der Frauen ein Teil ihrer Identität und die Erschütterung über Else Urys Tod in Auschwitz groß.  Seitdem wurde weiter über Else Urys Leben und Werk geforscht, Ausstellungen wurden entwickelt, neue Erkenntnisse gewonnen. In Berlin trägt eine Kinder- und Jugendbibliothek ihren Namen, am Savignyplatz gibt es inzwischen einen Else-Ury-Bogen und an ihrem Ferienhaus in Karpacz, vormals Krummhübel, ist eine Plakette zum Gedenken an Else Ury in deutscher und polnischer Sprache angebracht, an der Wand von Haus Nesthäkchen prangt die Inschrift: Dom Nesthäkchen. Eine Ausstellung in deutscher und polnischer Sprache erzählt vom Leben und Werk Else Urys. Tangermünde, die Herkunft der Familie Ury, restaurierte den jüdischen Friedhof, und auf einem der wenigen gut erhaltenen Grabsteine kann man den Namen einer ›Treudel geb. Ury‹ lesen. Else Ury hat Spuren hinterlassen, die weit über die Bekanntheit der Nesthäkchenbände hinausgehen.
Doch die berühmte Autorin hat kein Grab in Berlin. Nur ein Memoriam auf dem Grabstein ihrer Eltern erinnert auf dem jüdischen Friedhof Weißensee an ihr Schicksal.
‹Else Ury geb. in Berlin 1. Nov. 1877
deportiert von Berlin 12. Jan. 1943
und nicht zurückgekehrt.›

Prolog
Ein kleiner schwarzer Koffer.
Ein Ausstellungsstück, beschriftet mit weißer Farbe: ›Else Sara Ury
Berlin Solingerstr. 10‹. Zu sehen in der Gedenkstätte der Wannseekonferenz zum Völkermord an den europäischen Juden. Die Nachgeborenen betrachten ihn respektvoll.
Von Zuhaus nach irgendwo wird der Koffer reisen. Weisungsgemäß mit Name und Adresse versehen, fertig gepackt. Alles muss bereit sein. Vor allem der Koffer. Die Anweisung vom Reichssicherheitshauptamt ist zugestellt. Die Liste mit den Kleidungsstücken: Hemden, Socken, Unterhosen. Anzahl und Art sind genau festgelegt. Sie wird den Koffer nehmen, in den Abendstunden, wenn der Lastwagen sie abholt, um sie in die Deportationssammelstelle zu bringen. Von dort wird es zum Bahnhof  Putlitzstraße in Moabit gehen, in den frühen Morgenstunden, in Kälte und Dunkelheit. Der Koffer wird mit 1100 anderen im Kofferwaggon landen, dann in einem Lagerraum von Auschwitz, ausgeleert, der Inhalt entwendet. Man wird ihr alles nehmen. Erst den Koffer, dann das Leben.
Sie seufzt und packt. Im Osten soll es kalt sein, sehr kalt. Warum stehen weder Wintermantel, Schal noch Handschuhe auf der Liste? Gehören sie  nicht zu den erlaubten Dingen, die sie brauchen wird? Von Zuhaus nach irgendwo wird sie gehen. Zuerst von Moabit nach Berlin-Mitte.
Es klingelt. Ein Lastwagen mit laufendem Motor steht vor der Tür. Sie nimmt den Koffer und geht los. Aus der Solinger Straße 10, dem Judenhaus, in dem sie seit 1939 wohnt. Im Lastwagen stehend, sich aneinander fest haltend, zur Deportationssammelstelle, einst Altenheim der Jüdischen Gemeinde. Vorbei an der geschändeten großen Synagoge. Große Hamburger Straße 26 heißt die Adresse. Und dort? Wird sie lange warten müssen auf den Weitertransport in Richtung Osten? Vielerlei Gerüchte hat sie gehört. Nicht darüber nachdenken.
Zurückdenken. Der erste Gang in die Synagoge. Gelöste, feierliche Stimmung in der Heidereuter Gasse damals. Mit der Mutter ging sie durch den Torbogen, tauchte in die Dunkelheit des Vorraumes ein, stieg zur Frauenempore hinauf. Eine Welt voller fremdartiger Gerüche und wunderbares Licht umgaben sie. Einsamkeit und Todesangst umgeben sie jetzt. Da sind keine schützenden Hände mehr. Da sind Greifhände, denen alles erlaubt ist, die alte Jüdin, blutig schlagen, töten. Nur nicht daran denken. Weit zurückdenken. Synagoge. Vater. Mutter. Licht. Duft. Sprechender Singsang. Frauen, die sie herzen und streichelen, ihr Süßigkeiten zustecken, bereitwillig Platz machen, um sie an die Balustrade zu lassen. Den Vater will sie sehen unter den betenden Männern und Knaben, die weiße Mäntel und silberschimmernde Tücher umgelegt haben. Und dann ist da der rhythmische Wechselgesang, der alte, bärtige Mann, der mit dem riesigen Thora-Zeiger über eine große Rolle fährt.
Schön war es damals.
Heute ist die Welt dunkel und kalt. Nichts ist ihr mehr erlaubt, was einst ihr Leben lebenswert machte. Parkbänke - für Juden verboten! Wälder - für Juden verboten! Die öffentlichen Verkehrsmittel - für Juden verboten!
Seit Tagen dreht sich alles nur um Listen. Sie hat sie ausgefüllt und unterschrieben: ›Else Sara Ury‹.
Letzte Nacht hat es geschneit. Das erweckt keine Freude mehr. Weiß wie Schnee - das war in den Märchen, als sie ein Kind war, im Grunewald, im Riesengebirge. Krummhübel - Welten entfernt. Zurückdenken. Die Veranda im Haus Nesthäkchen, blühender Weißdorn, im Liegestuhl schreiben, frei atmen, die herrlich frische Luft nach den kurzen Gewittern. Weiter zurück: Ostseestrand, die kleinen frechen Jungen, die davonlaufen, braun oder blond - Kindersorgen. Ihre Tränen und die Arme des Fräuleins, sie schützend und liebkosend. Die Erinnerung füllt sie für eine kurze Zeit aus. Dann fällt die nahe Zukunft sie wieder an.
Sie wird die Treppe hinunter gehen, die Handtasche mit den Papieren fest an sich gepresst. Links, dort wo der Stern aufgenäht ist, mit winzig kleinen, ordentlichen Stichen. Der Herzschlag geht mal rasend, mal schleppend gegen das aufgenähte Zeichen. Große Hamburger Straße 26. Ein Davidstern ist auf die Tür geschmiert. Jüdische Ordner mit weißen Armbinden helfen den Ankommenden aus dem Lastwagen. Von Zuhaus nach irgendwo wird es weiter gehen. Else Ury, geboren am 1. November 1877. Es ist der 6. Januar 1943.